Der Vergebungsbegriff in meiner Aufstellungsarbeit

(überarbeitete Fassung 2019)

 

Der Begriff der „Vergebung“ spielt in meiner Aufstellungsarbeit und damit in der Art und Weise, wie ich diese Arbeit in meinen Aus- und Weiterbildungen vermittle eine zentrale Rolle.

Ich fasse dieses Vergebungsverständnis in dem Satz zusammen:

 

"Ich vergebe mir alles, was du getan hast!"

 

Dieser Satz irritiert in mehrfacher Hinsicht unser gewohntes Denken.

Zunächst einmal hat er wenig mit dem herkömmlichen Vergebungsbegriff zu tun, der im Alltag und auch in vielen bei uns bekannten Religionen benutzt wird. Sehr überspitzt formuliert, wird Vergebung dort wie eine großzügige Geste des Geschädigten (Schuldlosen) verstanden, der aus der starken Position des „im Recht Seins“ dem schuldhaften Gegenüber etwas (meist nur einen Teil) erlässt. Hier bleibt letztlich eine Hierarchie erhalten. Häufig kommt es sogar zu einer Beschämung bei dem, dem in dieser Form vergeben wird. Man kann für dieses Verständnis von "Vergebung" auch den Begriff: "Verzeihung" verwenden, der recht deutlich auf die anmaßende hierarchische Position des "Verzeihenden" zeigt, weil von dem, dem verziehen wurde, im Nachgang auch noch eine gewisse Dankbarkeit und Demut erwartet wird.

Wirkliche Versöhnung kann dadurch auf beiden Seiten nicht dauerhaft entstehen.

Ich beabsichtige, auf ein anderes Verständnis von Vergebung hinzuweisen, das für mich die zentrale Sinnkategorie darstellt.

 

Kurz gesagt meint dieses Verständnis von Vergebung:

die

"Wiederwegnahme der Projektion der Schuld"!

 

Mit (gestalt-) psychotherapeutischer Sprache ausgedrückt ist hier der Prozess der kontinuierlichen Bewusstwerdung und in der Folge die Reduktion jedweder Abwertungen (negative Urteile) und vor allem Selbstabwertungen (negative Urteile über sich selbst) gemeint.

Viele Menschen werden sehr früh und dauerhaft durch andere Menschen in ihrer Umgebung mit Wertungen, oft mit Abwertungen belegt. Diese Fremdabwertungen werden durch Identifikation (Verinnerlichung) zu Selbstabwertungen. Das bedeutet, dass die ursprünglich von außen kommenden Abwertungen (z.B.: "Du bist nicht gut genug!" etc.) ungeprüft geglaubt und als Wahrheit über sich selbst übernommen (introjiziert) werden. Dieses "Nicht gut genug sein" bedroht aber immer die wichtigste menschliche Motivationsquelle, nämlich den Wunsch nach Zugehörigkeit. Die dadurch ausgelösten Gefühle von Scham, Angst und Verzweiflung müssen je nach Ausmaß erträglicher gemacht werden. Dazu muss der Mensch versuchen, das durch die Abwertung beschädigte Selbstbewusstsein zu reparieren, was durch den Vorgang der unbewussten Projektion vordergründig zu gelingen scheint. Projektion bedeutet dabei, dass die erfahrenen und als wahr übernommenen Abwertungen nach der Übernahme zunächst verleugnet (abgespalten), also aus dem bewussten Gewahrsein verbannt werden. In der Folge werden diese verdrängten Schattenanteile dann an anderen Menschen gesucht, gesichtet, abgelehnt und bekämpft (Projektion). Da nun klar zu sein scheint, dass das Unerwünschte nicht in mir, sondern im anderen ist, scheine ich davon befreit. Aus "Ich bin nicht gut genug" wird wieder "Du bist nicht gut genug". Da die eigenen Schattenanteile aber weiterhin existieren und gesehen, überprüft und angenommen werden wollen, machen sie sich aus dem Unbewussten heraus als Symptome (zunächst nur als Ärger, später mit immer stärkeren Manifestationen) im Organismus bemerkbar.

Heilung erfolgt durch eine Umkehrung dieses Prozesses, also durch die Wiederwegnahme der Projektion. Ich muss dazu meine Abwertung anderen gegenüber erkennen, sie als eigene Schattenanteile überprüfen und in ihrer tatsächlichen Dimension als Eigenanteil akzeptieren und sie letztendlich als zugehörig zu mir integrieren.

Therapeutisch wird dies (verkürzt dargestellt) durch die Entwicklung einer verbesserten, realistischeren  Selbst- und Fremdwahrnehmung zu erreichen versucht, sowie durch einen stärkeren Bezug zur Gegenwärtigkeit und letztlich zu einer immer vollständigeren Akzeptanz des Geschehenen. Es geht vor allem darum zu erkennen, was werte ich am anderen ab und wie bin ich selbst so, wie derjenige, den ich abwerte? Dabei ist der tatsächlich vorhandene Eigenanteil zu überprüfen. Gemeint ist nicht, dass ich genauso sein muss, wie mein Projektionspartner.

Bei dieser Rücknahme der Projektion der Schuld handelt es sich um einen Prozess, also um eine Entwicklung und kaum um einen idealtypischen Endzustand. Der zentrale wiederkehrende therapeutische Satz heißt deshalb:

"Ich akzeptiere alles an mir, was ich dir vorwerfe".

 

In Bezug auf Konfliktentstehung und -bewältigung heißt das in einer sehr verkürzten Argumentationskette:

Ich kann nicht durch eine andere Person geärgert werden. Es ist immer mein Akt der Bewertung, der auf einem abwertenden Urteil beruht, der negative Gefühle (Ärger, Angst, Wut, Verzweiflung) in mir aufkommen lässt. Diese Gefühle scheinen Angriff zu rechtfertigen, was wiederum negative Erfahrungen (wie den Gegenangriff) zur Folge hat. Damit wird der gesamte Prozess mit weiterer Angst und Schuld aufgeladen, die schon der Grund für den Beginn dieses Prozesses waren. Dies führt wiederum zu einer Verstärkung der Konfliktdynamik (reicht bis zum Völkerkrieg und wird besonders deutlich bei der Rachedynamik).

 

Viele Philosophien, geistige und spirituelle Lehren und nicht zuletzt die moderne (Quanten-) Physik thematisieren dies in unterschiedlicher Sprache. Gemeinsam ist dabei der Grundgedanke der Verantwortungsübernahme für den persönlichen Schöpfungsakt. Wir erschaffen und kreieren unsere Wirklichkeit stets selbst durch unsere Gedanken und Emotionen und durch die Vergabe von "Sinn und Bedeutung". (Z.B.: Ulrich Warnke, "Quantenphilosophie und Spiritualität - Wie unser Wille Gesundheit und Wohlbefinden steuert", München, 2017)

Das Erkennen meiner eigenen Urteile beziehungsweise das Aufheben meiner abwertenden Urteile ist also ein ganz entscheidender und weil wir anders sozialisiert werden, womöglich lebenslanger (Entwicklungs-) Prozess.

 

Der "Kurs in Wundern" schreibt in wunderbarer Klarheit, dass Urteilen im üblichen Sinne nicht möglich sei: "Um irgendetwas richtig zu beurteilen, müsste man sich einer unvorstellbar weiten Bandbreite von Dingen völlig bewusst sein, vergangenen, gegenwärtigen und solchen, die noch kommen werden. Man müsste im Voraus alle Wirkungen seiner Urteile auf jeden und auf alles, was irgendwie damit zu tun hat, erkennen. Und man müsste sicher sein, dass es keine Verzerrungen in der eigenen Wahrnehmung gibt, so dass das Urteil gänzlich gerecht wäre jedem gegenüber, auf dem es jetzt und in der Zukunft liegt. Wer ist in der Lage, das zu tun? Wer würde dies für sich in Anspruch nehmen, außer in größenwahnsinnigen Phantasien? (Ein Kurs in Wundern, Handbuch für Lehrer, Kap.10. Wie wird Urteilen aufgegeben? S.27).

 

"Ich vergebe mir alles, was du getan hast.", und seine Umkehrung:

"Ich vergebe dir alles, was ich getan habe.",

meint in diesem Sinn, die Aufhebung des Urteils (und der Schuld) mir selbst gegenüber (Selbstvergebung) als notwendige Grundlage der Aufhebung des Urteils (und der Schuld) dem anderen gegenüber. Bleibt man aber ohne Urteil, wird es möglich, das anzuerkennen, was (geschehen) ist. Damit wiederum wird die rückwärts gebundene Energie wieder frei und Handlungsspielraum entsteht. Hilfreich ist hier oft die Einlassung, dass "alles was in meinem Leben geschieht, nicht nur durch mich selbst (meine Gedanken, Worte, Wünsche und Handlungen) angelegt ist (wenn auch häufig nicht absichtlich), sondern auch immer eine sinnhafte Erfahrung darstellt, die von Bedeutung für mein Lernen und damit für mein Leben ist." Es gibt somit keinen Grund für einen Vorwurf anderen gegenüber, weil der andere (besonders mein "Konfliktpartner") nur bedient, was für mich notwendig und für meine Entwicklung wichtig und richtig ist. Dieser Vergebungsbegriff hebt sich damit selbst auf, weil "Vergebung" in diesem Sinne die Einsicht ist, dass es nichts zu vergeben gibt, da alles sinnhaft ist.

Im Alltagsgeschäft wird dieses Verständnis natürlich oft als starker Tobak und als ungeheure Zumutung erlebt, und es wird als Schuldzuweisung und Vorwurf uminterpretiert oder in anderer Form abgewehrt. Es stellt aber lediglich eine parallele (Bewusstseins-) Ebene dar, neben der die "Alltagswahrheit" durchaus aufrechterhalten werden kann. Politisch-gesellschaftliche, juristische oder moralische Kategorien des Alltags bleiben damit auf ihrer Ebene bestehen. Ich möchte schließlich auch von der Versicherung des Unfallgegners den Schaden an meinem Fahrzeug bezahlt bekommen, wenn dieser verkehrsrechtlich der Unfallverursacher war. Darüber hinaus kann es mir aber in meiner Entwicklung dienen, mich zu fragen: Wofür steht dieser Unfall (und seine Folgen)? Woran hindert er mich? Wozu bringt er mich? Worin könnte sein Sinn bestehen? Wie habe ich dazu (vielleicht unwissentlich) beigetragen? Durch diese Betrachtung lege ich die Opferrolle ab und gewinne Handlungsfähigkeit, wo vorher Hilflosigkeit war. (Colin C. Tipping, Ich vergebe - Der radikale Abschied von Opferdasein, Bielefeld 2004, 2. Auflage 2008).

 

Es ist im Alltagsgeschäft ein sehr schmaler Grat zwischen der Zumutung der Sinnfragen und dem Missverständnis, diese Fragen als Schuldzuschreibung zu verstehen.

 

Dieser schuldabwehrende Umdeutungsprozess erschwert aus meiner Sicht auch beispielsweise die Erörterung psychosomatischer Zusammenhänge mit Patienten und Klienten und zwar dann, wenn die Frage der Selbstverantwortung und des Perspektivenwechsels im Symptomverständnis (welchen Sinn macht das Symptom in meinem Leben?) aufgeworfen wird. Wehrt der Klient diese Perspektive ab, in dem er die Frage nach der eigenen Schöpferkraft durch die ärgerliche Zurückweisung: "Willst du sagen, ich sei selber schuld an meinen Symptomen?" ersetzt, wird Heilung und Entwicklung unmöglich bzw. der Entwicklungsprozess wird erheblich verzögert.

 

Gerade für therapeutisch Berufstätige stellt die Beleuchtung des Vorgangs der Projektion und seine Umkehrung eine unverzichtbare Perspektive dar. Das gilt übrigens zunächst besonders für die eigene Kompetenzentwicklung im Beratungsberuf.

Einerseits birgt der hier dargestellte Vergebungsbegriff im therapeutisch-unterstützenden Umfeld enorme Veränderungskraft, weil er aus der allgegenwärtigen Hilflosigkeit, die jeden größerem Problem zugrunde liegt, herausführt. Andererseits ist auch klar, dass wir im Alltag unzählige Entscheidungen fällen müssen, die selbstverständlich auf unserem Urteil beruhen (In welcher Form und Ausprägung gefällt mir etwas und was ist meinen Bedürfnissen angemessen?). Es geht also nicht um allumfassende Urteilslosigkeit, sondern um ein Gewahrsein für die Differenz der verschiedenen Entscheidungsebenen und ihrer Bedeutung im menschlichen Kontakt. Therapeutische Professionalität bestünde dann darin zu wissen, dass mein Urteil auch bei guter Schulung immer auf einer höchst selektiven Wahrnehmung beruht, die noch dazu in einem Kontext stattfindet, der sich mir nur fragmentarisch erschließt.
Meine persönliche Erfahrung in Therapie, Beratung und Weiterbildung ist: Je mehr ich in der Lage bin, meine eigenen Urteile wirklich zu lassen (also nicht nur, sie gut hinter einer freundlichen Fassade zu verstecken), desto eher gelingt es mir, mit meinem Gegenüber den möglichen Sinn schwer hinnehmbarer Ereignisse ohne die Frage nach der Schuld zu beleuchten.

Im Kontext von Aufstellungen ist dieses urteilsfreie „Leersein“ besonders wichtig, weil erst dadurch die Führung des Feldes wirklich zum Tragen kommen kann.

Die Arbeitsformen der Aufstellungsarbeit und die Führungsstile der jeweiligen Aufsteller haben sich in den letzten Jahren sehr ausdifferenziert und weiterentwickelt. Von den sogenannten statischen Aufstellungen mit mehr oder weniger deutlichen Eingriffen des Aufstellers zu den bewegten Aufstellungen, in denen die Einwirkungen des Leiters zu Gunsten der Eigenbewegungen der Protagonisten sehr zurückgenommen wurden. Die Unterstellung ist dabei häufig, dass die spirituelle Kraft der Aufstellungsarbeit in der bewegten Form mit geringerer Sichtbarkeit der Führung durch den Leiter stärker zum Ausdruck kommen kann.

Es ist zweifellos wichtig, diese verschiedenen Formen zu kennen und mit ihnen zu experimentieren. Das ist selbstverständlicher Bestandteil meiner Weiterbildungsangebote.

Meines Erachtens aber ist die spezielle Ausstrahlung einer Aufstellung, die sich in der Entfaltung von unterschiedlich fassbaren Kräften und Informationen zeigt, nicht so sehr von der gewählten Arbeitsform abhängig, sondern vielmehr von der Haltung des Aufstellungsleiters. Diese Haltung sollte einerseits geprägt sein von der vorwurfsfreien Akzeptanz demjenigen gegenüber, der sein Anliegen vorbringt und von vorbehaltloser und urteilsfreier Offenheit demgegenüber, was in der Aufstellung auftaucht.

 

Neben der formalen, praktischen und theoretischen Auseinandersetzung mit der Aufstellungsarbeit ist dieser Lernprozess mein Hauptanliegen.