Seelisch–geistige Entwicklung und psychotherapeutisches Systemaufstellen

Die folgende Betrachtung dient der Veranschaulichung derjenigen Wirkmechanismen, die bei der menschlichen Weiterentwicklung im seelisch–geistigen Bereich eine Rolle spielen. Ich verwende den Doppelbegriff „seelisch-geistig“, weil ich beide Begriffe „Seele“ und „Geist“ als austauschbar verstehe. Da zum Verständnis dieser Entwicklungsvorgänge auch ein über das kognitive Verarbeiten hinaus notwendiges metaphysisches Vorstellungsgebäude jedes einzelnen Menschen eine Rolle spielt, trifft die Bezeichnung: „spirituelle Entwicklung“ ebenso zu. Ich glaube, dass es sinnvoll bzw. notwendig ist, diese Entwicklungsvorgänge zu verstehen, wenn man psychotherapeutisch arbeitet und insbesondere, wenn man in diesem Rahmen Systemaufstellungen (Familien- und Organisationsaufstellungen) anwendet.

 

Die Erläuterung erfolgt anhand von Schaubildern, die versuchen, diese komplexen Vorgänge zu veranschaulichen, die der vorliegende Text ergänzt und einzuordnen hilft. Die jeweiligen Begriffe aus den Schaubildern werden bei ihrer Ersterwähnung im Text durch Fettdruck hervorgehoben.

 

Schaubild I

Therapeutische Eingriffe sind immer dann hilfreich, wenn Menschen unter Störungen in ihrem Lebensgefüge leiden, also in der Regel psychische oder körperliche Symptome aufweisen. Nach meinem Verständnis psycho-somatischer Zusammenhänge entstehen Symptomprozesse auf der Grundlage negativer Glaubenssätze (…bin nicht gut genug, ...schaffe nichts, …bin nichts wert, etc.), die im Unbewussten (linker Kasten im Schaubild) zu Hause sind, sich also dem Wachbewusstsein in der Regel entziehen. Es handelt sich um abwertende Vorstellungen sich selbst gegenüber und um den verinnerlichten Glauben, falsch und schuldig zu sein, was oft auch beinhaltet, dass Strafe notwendig ist. Negative Glaubenssätze entstehen hauptsächlich durch Verinnerlichung (vorwiegend elterlicher) Be- und Abwertungen während der frühen Erfahrung vor, während und nach der Geburt und während der kindlichen Entwicklung. Systemisches Geschehen und individuelles Erleben stehen dabei in komplexen Wirkzusammenhängen. Das gilt sowohl für die Entstehung als auch für die Anlässe des Auftretens der unterschiedlichen Symptomkomplexe.

 

Die ehemals von außen kommenden Zuschreibungen von Schuld und Minderwertigkeit werden ungeprüft und unzureichend gefiltert als zutreffend über sich selbst verinnerlicht. Sie bilden gewissermaßen einen schlecht durchgekauten seelischen Brei, der vom Organismus verarbeitet (Symptombildung) und/oder wieder ausgeschieden werden muss (Projektion). Die Erschaffung von Symptomen ist also ein Schritt zur Verarbeitung von Ablehnung und Abwertung. Das Leid wird durch das Symptom aus dem Unbewussten wieder an die Oberfläche gebracht, um dort deutlich zu machen, dass ein schädlicher Input erfolgt ist und im Organismus Fehlentwicklungen entstanden sind. Dieser Vorgang ist das seelische Pendant zur körperlichen Übelkeit, wenn falsche, schlechte oder sogar giftige Nahrung eingenommen wurde.

Symptome deklarieren somit innere Leidenszustände und sind immer als sinnhaft und aussagekräftig in Bezug zu diesen und zu ihrer Entstehungsgeschichte zu verstehen.

 

Der bedeutende Psychosomatiker des vergangenen Jahrhunderts Viktor von Weizsäcker hat das unter anderem so ausgedrückt: „Krankheit ist als das Ergebnis einer Selbstbewegung des Subjekts die unbewusste gestalterische Arbeit des Erkrankten, die für diesen einen verborgenen Sinn hat“ (zitiert in: „Wenn die Organe ihr Schweigen brechen und die Seele streikt“, Annelie Keil, S. 69).

Psychische Prozesse sind damit die Grundlage bei der Entwicklung jeder menschlichen Symptombildung. Alle sicht- und messbaren neurologischen, genetischen und biochemischen Prozesse, sowie die Zuhilfenahme äußerer Anteile aus Umwelt und Umgebung (Viren, Bakterien, Unfallgegner etc.), bleiben in der Betrachtung ihrer Bedeutung davon völlig unberührt und gültig. Sie stellen die Art und Weise dar, wie der Gesamtorganismus die geistig-seelischen Ereignisse in körperliche oder psychische Symptome umsetzt. Medizinisches und anderweitig therapeutisches Verstehen und Wirken ist bei diesem Verständnis von Psychosomatik nicht bewertet und schon gar nicht abgewertet. Ob die verschiedenen Behandlungsformen wirksam und sinnvoll sind, hat ausschließlich mit der jeweils professionellen Kompetenz der Behandler und ihrer Fachgebiete zu tun. Das Verstehen symptomatischer Abläufe im Organismus steht nicht im Widerspruch dazu, dass seelisch-geistige Prozesse dafür der Ausgangspunkt sind und die darauffolgenden somatischen (körperlichen) Prozesse sich zwar auch in Ursache-Wirkungsketten vollziehen, der Körper dabei aber nicht die „erste Ursache“ darstellt.

 

Die Aussage, etwas sei dann psychosomatisch, wenn „körperlich-organische Gründe“ nicht zu finden sind, ist eine Annahme, die eher in professioneller Konkurrenz begründet zu sein scheint und nicht die komplexen seelisch-geistigen menschlichen Entwicklungszusammenhänge berücksichtigt. Psychische Prozesse und organisch-körperliche Abläufe breiten sich in Folge zunächst nacheinander und dann in Bezug zueinander aus. Sie gehören zusammen und ergänzen und verschränken sich. Sie in Konkurrenz zu einander zu setzen ist wenig hilfreich.

 

Beim Vorgang der Projektion, also beim Versuch, belastende Vorgänge aus dem Organismus wieder los zu werden, verleugnet das Individuum die erfahrenen und als wahr übernommenen Abwertungen und Schuldzuweisungen zunächst und verlegt sie damit noch weiter ins Unbewusste. Dieser Teil der Verleugnung geht jeder Projektion immer voran. Bei passender Gelegenheit werden diese verdrängten Schattenanteile dann auf andere Menschen projiziert, in dem sie dort gesucht und gefunden, abgelehnt, angegriffen und bekämpft werden. Da nun klar zu sein scheint, dass das Unerwünschte nicht in mir, sondern im anderen ist, scheine ich davon befreit. Aus "Ich bin nicht gut genug" wird "Du bist nicht gut genug". Wenn Eltern zum Beispiel so auf ihre Kinder einwirken, schließt sich ein Erfahrungskreis alter Belastungen und ein neuer Problemzyklus kann sich für die nächste Generation bilden.

 

Im Kontext von psychotherapeutischen Systemaufstellungen ist die Kenntnis über die Bedeutung und Wirkmechanismen von Symptomen und Projektionen unverzichtbar. Die sogenannten „Symptomaufstellungen“ stellen dabei ein interessantes Verfahren dar, dass für die Betroffenen einen sehr hohen therapeutischen Wert haben kann. Dabei wird das Symptom der/s Fragestellenden als eigenes, frei agierendes Element aufgestellt. Werden jetzt durch gezielte Interventionen der/s Aufstellerin/s Veränderungen im Feld vorgenommen, indem z.B. Repräsentanten bewegt oder verschoben werden oder sprachliche Eingaben erfolgen, zeigt das „Symptom“ durch seine Reaktionen und Bewegungen, ob diese Veränderungen heilsam oder symptomverstärkend sind.

 

Um zu verstehen, wie der Organismus von den Mechanismen Symptombildung und Projektion zu einer sinnvollen und vollständigen Gesamtverarbeitung und damit zu Linderung oder Heilung gelangt, ist es nötig, die wichtigste Instanz des Menschen als Begriff einzuführen, die er für diese Entwicklung benötigt. Diese Instanz nennen Gloria und Kenneth Wapnick in ihren Arbeiten zu dem Werk: „Ein Kurs im Wundern“ (insbesondere in ihrem Buch: „Der Himmel hat kein Gegenteil“) den „Entscheider“.

Dieser Entscheider ist nicht physisch und damit nicht materieller Teil des Körpers, obwohl er auch hier zu Hause ist und hier wirkt. Er ist am ehesten mit den uns vertrauten Begriffen: „Geist“ oder „Seele“ zu belegen, die ebenfalls nicht im Körper zu finden sind, die aber als abstraktes Konstrukt benannt werden müssen, weil sie in einer nicht konkreten und nicht logisch erfassbaren Form zu existieren scheinen. Heilsames geistig-seelisches Wirken meint in diesem Verständnis vor allem die Bereitschaft, uns unserer universellen, schöpferischen, göttlichen Existenz (im Schaubild hellblau) anzuvertrauen.

Im Schaubild I ist der Entscheider auf der Grenze zwischen Individuum (menschlicher Geist) und der göttlichen Grundlage (Heiliger Geist, Spirit) dargestellt. Er hat schaffriert gezeichnete Grenzen, um seinen schleusenhaft durchlässigen Charakter zu betonen. In dieser Position entscheidet der Mensch, ob er heilsame, göttlich-schöpferische Energie durchlässt oder ob er davon abgetrennt bleibt. Im letzteren Fall erschafft seine, vom Göttlichen abgetrennte, menschliche Schöpferkraft oft genug dysfunktionale Prozesse, die innerhalb des Individuums als Symptome und zwischen den Individuen als Konflikte wirken. Wenn der Mensch im Störungsmodus die Bereitschaft entwickelt, heilsame Veränderung zuzulassen, muss er sich in diese Position des Entscheiders begeben. Er muss Entschlüsse zu Perspektivenwechsel in der Betrachtungsweise und zu Verhaltensänderungen treffen. Diese Entschlüsse bedeuten zunächst den Wechsel von der Unbewusstheit zum Gewahrsein (mittlerer Kasten im Schaubild) und nach entsprechender Entwicklung zum Selbstgewahrsein (rechter Kasten im Schaubild). Es ist dazu nötig, sich zwischen seinem unbewussten Ego mit den negativen symptomauslösenden Glaubenssätzen und der schöpferischen, lindernden und heilenden Energie zu entscheiden. Mit „Ego“ ist das auf den negativen Glaubenssätzen aufbauende Denkmuster gemeint, das kompetent und intelligent den Leidenszustand verteidigt und aufrechterhält.

 

Mit der Entscheidung, sich der eigentlichen göttlichen Schöpfungsmacht zu öffnen, sieht sich der Mensch als an der Schöpfung beteiligt und erkennt damit gleichzeitig seine eigene Schöpfertätigkeit an, die sonst im Unbewussten bleibt und dort im Zusammenhang mit Abwertungen für Schäden sorgen kann.

 

Die Aufstellungsarbeit ermöglicht demjenigen, der ein Anliegen stellt, also der Klientin/dem Klienten durch das Aufstellungssetting eine Betrachtungsweise, die der außenstehenden Position des Entscheiders sehr ähnlich ist. Die Klientin oder der Klient kann - zumindest formal oder teilweise – für eine gewisse Zeit ebenfalls außerhalb des eigenen Störungssystems stehen. Er/Sie stellt sein Problem mit bereitwilligen Protagonisten auf und ist selbst durch eine gewählte Person im System repräsentiert. Dadurch wird es möglich, dem Wirken des eigenen (Störungs-)Systems trotz hochgradig innerer Beteiligung von außerhalb beizuwohnen und damit einen Blick einzunehmen, der nicht völlig von den schwierigen inneren Vorgängen beeinflusst ist.

 

Für den Aufstellungsleiter ist es von besonderer Wichtigkeit zu verstehen, dass er ebenfalls eine entdeckende Betrachtungsweise im Feld einnehmen muss, die trotz innerer Beteiligung und Aufmerksamkeit, durch einen „freundlich–liebevollen Blick“ von außerhalb bestimmt wird. Er steht und wirkt im Feld, ist aber mental in seiner Unbetroffenheit gleichzeitig außerhalb. Die Art des freundlich-liebevollen Schauens auf konfliktreiches Geschehen entspricht der Betrachtungsform, wie sie in der Position des Entscheiders unverzichtbar ist.

Das erste Schaubild versucht zu veranschaulichen, wie sich Entwicklung von der Störung und den Symptomen hin zu größerer seelischer Gesundheit vollziehen kann.

Es repräsentiert den einzelnen Menschen nicht in seiner Gesamtpersönlichkeit, sondern vielmehr in seinen einzelnen seelischen Entwicklungsbereichen.

Der Vorschlag, diese Entwicklungsformen als die fließend in einander verlaufenden Stufen:

 

„Unbewusst“ – „Gewahrsein“ – „Selbstgewahrsein“

 

zu bezeichnen, stammen vom Arzt und Endokrinologen Deepak Chopra und dem Neurologen Rudolph F. Tanzi, die diese drei Stufen in Ihrem Buch: „Superbrain“ als wichtige und notwendige Entwicklungsphasen für ein reifendes Gehirn vorschlagen.

(Interessanterweise trennen auch sie aus ihrer neurowissenschaftlichen Perspektive das zum Körper gehörende Gehirn vom nicht körperlichen „Geist“. Danach erteilt der menschliche Geist als übergeordnete Instanz dem menschlichen Gehirn zwar Befehle, ist aber selbst nicht das Gehirn und auch dort nicht zu finden.)

Die drei Bewusstseinszustände können in verschiedenen seelischen Bereichen auf völlig unterschiedlichem Niveau ausgeprägt sein.

Jemand kann beispielsweise in einem Entwicklungsbereich oder Lebensthema bereits sehr selbstgewahr sein, also sehr bewusst erkennen, wie er diese Störung oder das Symptom erschaffen und gestaltet hat, in einem anderen Lebens- oder Problembereich kann derselbe Mensch dagegen völlig unbewusst agieren und sich in Konflikten als Opfer verstehen.

Der hellblaue Hintergrund bedeutet das Göttliche, in das alle Menschen eingebettet und darin miteinander verbunden sind. Es ist der Teil, der spirituelle Anschauung, religiöses Betrachten oder philosophische und/oder quantenphysikalische Erklärungsmodelle erfordert, weil er über mechanisch-wissenschaftliches Denken hinausreicht bzw. mit diesem Wissen nicht zu beschreiben ist. Es wird also Glauben benötigt, der unter Umständen auf Erfahrungen mit phänomenologischen Prozessen basiert. Das bedeutet, dass ich etwas dann glaube, wenn es immer wieder geschieht, auch wenn ich keine hinreichend verständlichen Gründe dafür kenne und es nicht logisch nachvollziehen kann.

Bei der Aufstellungsarbeit wäre hier die Parallele des immer wieder auftretenden „wissenden Feldes“ als ein Phänomen zu nennen, das man Menschen, die das noch nie erlebt haben, nicht glaubhaft beschreiben kann. Damit ist die immer wiederkehrende Erfahrung gemeint, dass aufgestellte Personen innerhalb der Aufstellung in Zustände (Belastungen, Haltungen, Gefühle etc.) geraten, die zu dem fremden System des Aufstellenden passen, obwohl die aufgestellten Personen keinerlei Vorkenntnisse über die Lebensereignisse desjenigen haben, für den sie stehen.

Bei der Beschreibung seelisch-geistiger Entwicklung ist unsere Alltagssprache oft wenig hilfreich bzw. es gelingt nur schwer, diese gesamtgesellschaftlich eher ungewohnte Sichtweise mit bestehenden Begriffen zu beschreiben. Viele Begriffe haben unter Umständen eine vertraute Bedeutung, die im ungewohnten Kontext seelisch-geistiger Vorgänge zu Missverständnissen führen kann und deswegen als unzureichend erlebt werden. In der vorliegenden Betrachtungsweise gilt das besonders für Begriffe, die auch in religiösen Konzepten besonders in der christlichen Sprache benutzt werden, hier aber eine davon abweichende Bedeutung haben.

Ich verwende für den göttlichen (Hinter-)Grund zum Beispiel bewusst nicht das Wort: „Gott“, weil die in religiösen Geschichten synonym verwendeten Begriffe: „Vater“, „Herr“ aber auch „Sohn“ viele Menschen dazu verleiten, sich Gott wie eine (männliche) Person vorzustellen, die menschliche Züge zu haben scheint. Dieser Vorstellung von Gott wird unterstellt, dass „er“ kontrollierend, bestrafend und rächend auftritt. Diese Betrachtung des Schöpferischen mag sinnvoll sein, wenn man Menschen manipulativ-erzieherisch beeinflussen möchte. Sie scheint mir nicht hilfreich für das Verständnis seelischer Gesundung zu sein. Dazu dient mir eher eine Vorstellung des Göttlichen als schöpferische, alles verbindende Energie, die sich grenzenlos durch Ursache und Wirkung ausdehnt und im menschlichen Organismus heilsam wirken kann, wenn sich der Mensch dazu entscheidet, auf diese Unterstützung zu vertrauen (Wunderbar anschaulich dargestellt in dem Buch von Fabian Wollschläger: „Die Quelle in dir“).

Mit „Heiliger Geist“ ist die Energie gemeint, die als heilsame Veränderungsessenz aus dem schöpferischen Feld ins Individuum einströmen kann, wenn durch den menschlichen Geist in der Position des Entscheiders der Einlass ermöglicht wird. Im Schaubild versuche ich das göttliche Feld mit Begriffen wie: Liebe und Vollkommenheit synonym zu beschreiben. Dieses göttlich-schöpferische Feld ist außerdem gekennzeichnet durch die absolute Abwesenheit von den Konzepten, die ausschließlich im menschlichen Egodenken des abwertenden, sich getrennt glaubenden Individuums wurzeln und ebenfalls in vielen religiösen Vorstellungen auftauchen. Hierzu gehören insbesondere der Glauben an Minderwertigkeit und Schuld, sowie die ihnen nachfolgenden Vorstellungen von Angriff, Rache und Strafe.

Die Einbettung in ein „personenunabhängiges“ göttliches Feld der liebevollen Verbundenheit ist der Wahrnehmung der meisten Menschen nur schwer zugänglich.

Die Aufstellungsarbeit hat dieses grundlegende Feld als unverzichtbare Voraussetzung. Hier ist dessen Wirkung stets präsent und in phänomenologischer Form zuverlässig erfahrbar.

Viele Menschen glauben jedoch, ein von „Gott“ und den anderen Menschen abgetrenntes Wesen zu sein, das aus einem Körper besteht, eine schwer zu beschreibende Seite wie Geist oder Seele hat und einen eigenen Willen zu haben scheint, sich in Auseinandersetzung mit Lebensereignissen aber als abhängig erlebt und sich bei auftretenden Problemen und Konflikten als Opfer versteht (Im Schaubild: Körper-Ego-Opfer).

Wenn dann Leid in Form unangenehmer Gefühle oder Symptome auftritt, ist das ein sicheres Kennzeichen dafür, dass dieses scheinbar getrennte Individuum im Zustand der Unbewusstheit ist.

Der Zustand der Unbewusstheit ohne leidvolles Erleben ist dagegen der erwünschte Normalzustand des menschlichen Lebens. Diese auf „guten“ Glaubenssätzen beruhenden Grundüberzeugungen führen zu heilsamen Prozessen. Positive Glaubenssätze entstehen, wenn erfolgreiche Erfahrungen gemacht werden, die angenehme Gefühlszustände auslösen und möglicherweise auch noch im sozialen Kontext bestärkt werden. Wenn diese Erfahrungen vom Organismus ausreichend geprüft und eingeübt werden, können sie allmählich ins Unterbewusste absinken und dort sinnvolle autonome Strukturen bilden, aus denen heraus adäquate Handlungsabläufe gesteuert werden können.

Erfährt der Mensch jedoch aufgrund von negativen Glaubenssätzen störende Symptome und leidvolle Lebensereignisse, dann führt die Unbewusstheit dazu, dass er dieses Leid als „über sich kommend“, „schicksalhaft“ oder zufällig, im schlimmeren Fall sogar als Strafe für die eigene Minderwertigkeit und Schuldhaftigkeit interpretiert. Diese Opferhaltung wird zum Glauben: „Es geschieht mir!“ und führt zu zusätzlicher Angst und Hilflosigkeit. Diese beiden zentralen Gefühle im Störungszusammenhang sind schon in der grundlegenden Erfahrung des abgelehnten Fötus, Säuglings oder Kleinkindes Bestandteil des belasteten Gesamtorganismus. Wenn Angst und Hilflosigkeit gemeinsam erlebt werden, bilden sie das Gefühl: “Verzweiflung“, was die Grundlage aller traumatischen Entwicklungen bildet. Der

Eindruck „Es geschieht mir“ führt zu dem Wunsch, dieses störende Treiben zu kontrollieren. Dies ist die Geburtsstunde einer neuen gedanklichen Instanz nämlich des unbewusst wirkenden „Kritikers“. Diese innere Stimme versucht, vor allem durch Abwertungen und Schuldsuche (sich und anderen gegenüber) eine Lösung für die Bewältigung der aktuellen und/oder chronischen Belastungen zu erreichen. Sie tritt dabei fatalerweise meistens in Form der vertrauten elterlichen Stimmen auf, die in der Regel schon an der Entstehung der negativen Glaubenssätze beteiligt waren. Diese kritische Instanz kann je nach Art und Weise der frühen Abwertungen männliche, weibliche oder abwechselnde Stimmfarben haben. Durch diese Instanz wird der verzweifelte Mensch zwischen seinem Glauben an die eigene Minderwertigkeit und den Abwertungen der eigenen kritischen Stimmen mit den dazugehörigen Schuldzuweisungen seelisch geradezu in die Zange genommen. Tatsächlich werden damit jedoch die vorliegenden Probleme und Konflikte nicht bewältigt, sondern verstärkt, ohne dass dafür ein Gewahrsein entsteht. Wegen des fehlenden Bewusstseins agiert dieser innere Kritiker völlig autonom und hochgradig wirkungsvoll, also ohne jede Kontrolle durch das Wachbewusstsein. Der Kontrollversuch wird somit zum chronischen Kontrollverlust, was Depression und damit neues Leid zur Folge hat.

 

Der im Schaubild angezeigte Tod meint einen „Tod, der hier noch nicht hingehört hätte“.

 

Ein belasteter Mensch im unbewussten Zustand leidet zwischen den Erinnerungen an die alten Verletzungen der Vergangenheit und der Angst vor der Zukunft.

 

Angst und das Denken in Kategorien von Schuld und Minderwertigkeit sind die Hauptbelastungsfaktoren eines Menschen. Wo Abwertung und Schuld aktiviert werden, findet Lernen und heilsame Entwicklung nicht mehr statt.

Wichtig zu erinnern ist, dass Symptome jeder Art immer nur als Deklaration von Belastungszuständen dienen. Sie werden zwar als unangenehme Gefühle, als Schmerz oder als Krankheit erlebt, sind aber geniale Wegweiser, die dysfunktionale Prozesse erzeugen, die befragt und verstanden werden wollen.

 

Im therapeutischen Kontext muss darauf geachtet werden, dass der „innere Kritiker“ nicht mit dem „Entscheider“ verwechselt wird. Im Aufstellungskontext müssen diese Elemente, wenn sie in irgendeiner Form ins Feld genommen werden, deutlich gekennzeichnet bzw. unterschieden sein. Der innere Kritiker ist immer Teil des Egos und seines Störungssystems. Er ist daran zu erkennen, dass er kritisch abwertend und Schuld zuweisend agiert. In der Position des Entscheiders herrscht Wohlwollen und Unterstützung. Hier schaut der Klient/die Klientin freundlich-liebevoll auf alles Leidvolle und ist damit auf Entdeckungsreise. Schwierige und kritische Prozesse werden angeschaut und als eigene Schöpfungen anerkannt und angenommen, was zu Verhaltensänderung und Wandlung führen kann.

 

Als Aufstellungsbild hat sich in meiner Arbeit bewährt, eine gekennzeichnete Fläche (z.B. einen Teppich) als imaginäres Feld des betroffenen Organismus abzugrenzen, in dem die Problematik stattfindet. Die, je nach der frühen Erfahrung entweder geschlechtsneutrale oder personifizierte Instanz des „Kritikers“ wird als Element in diesen Bereich hineingestellt, während der neutrale „Entscheider“ an die Grenze (z.B.: Ein Bein innerhalb und ein Bein außerhalb) oder vollständig außerhalb des Organismus-Feldes gestellt wird. Der/die Betroffene kann je nach Zustand oder Äußerungsform die Positionen und damit die Betrachtungsweise (liebevoll-wohlwollend versus abwertend-kritisch) ändern und so den sich verändernden Belastungs- und Leidensgrad wahrnehmen.

Die Erfahrung zeigt, dass Würdigung und Annahme dazu führen, dass immer mehr Material im therapeutischen Zusammenhang auftauchen kann, wodurch weiteres Entdecken problematischer Anteile ermöglicht wird. Dies gilt insbesondere auch für die Arbeit mit Aufstellungen. Die grundsätzlich würdigende und annehmende Haltung auf Seiten der Aufstellungsleitung ist Bedingung für die heilsame Kraft des aufgestellten Feldes.

Der unbewusste Knebel aus negativen Glaubenssätzen über Minderwertigkeit und Schuld verhindert jedoch oft die Möglichkeit, Fragen nach dem tieferen Sinn der Symptomatik zu stellen. Hierfür benötigt das Individuum in der Regel Hilfe, einen Blick zu entwickeln, der frei ist von Abwertungen dem eigenen Sein gegenüber. Wird die eigene Schaffenskompetenz verwechselt mit dem Vorwurf, „selbst schuld an den eigenen Symptomen zu sein“, kann Lernen nicht mehr stattfinden. Hier liegt übrigens ein großes Risiko für Fehlentwicklungen im therapeutischen Handeln jedweder Art. Wenn aus falsch oder rudimentär verstandenem psychosomatischen Teilwissen so kommuniziert wird, als sei der Klient schuld an seinen Symptomen, wird der innere Kritiker und damit die Symptomatik gestärkt. Es ist für sehr viele Menschen eine schwierige Gradwanderung zwischen dem Verstehen und Akzeptieren der eigenen sinnhaften Gestaltungskompetenz und der Angst davor, sich falsch und schuldhaft verhalten zu haben.

Durch Veränderung der Betrachtungsweise z.B. durch Lernprozesse innerhalb und außerhalb von Therapie und Behandlung, kann das Individuum dazu bewegt werden, in die Position des Entscheiders zu wechseln, also „anderen Geistes“ zu werden. Dadurch entsteht die Möglichkeit, inne zu halten, Perspektivenwechsel in der Betrachtung vorzunehmen und somit anders und intensiver inneres Geschehen wahrzunehmen. Die Sichtweise: “Es geschieht mir!“ wird zum Erkennen: „Es geschieht in mir!“ Durch dieses neue gegenwartsbezogene Gewahrsein für die tatsächliche Dynamik der Konflikte, kann der Leidensprozess Linderung erfahren oder zum Stillstand kommen. Im Schaubild wird im Feld des Zustandes II der Versuch unternommen, diesen Bewusstseinszustand zu veranschaulichen.

Therapeutisch ist hier besonders die „Arbeit mit dem inneren Kritiker“ von Bedeutung. Aufstellerisch geht es um die Entwicklung und Einhaltung eines „freundlich–liebevollen Blickes“ auf das – wie auch immer turbulente, moralisch oder juristisch verwerfliche – Problemgeschehen. Ebenso wie die würdigende Haltung des therapeutisch arbeitenden Aufstellers/in als Stärkung im Feldgeschehen wirkt, ermöglicht ein wohlwollender Blick, der authentisch frei von Vorwurf und Schuldsuche ist, dass diese gütige Betrachtungsweise allmählich vom Klienten/in übernommen werden kann. Erst dadurch kann ein allmählicher Abbau von Schuldzuschreibungen geschehen, der mehr und mehr einem Verständnis des Sinnzusammenhanges weichen kann.

Die jeweils höchste Stufe der seelischen Entwicklung stellt das „Selbstgewahrsein“ innerhalb eines Störungs- oder Problembereiches dar. Es ermöglicht die Einsicht in die eigene Selbstgestaltungskraft allen Lebensereignissen gegenüber. Es bedeutet gleichzeitig das Aufgeben des Opferstandpunktes und damit die Rückgewinnung des Einflusses auf das eigene Lebensgeschehen.

Der Teilbegriff: “Selbst“ im Begriff des „Selbstgewahrseins“ meint hier ein „Ego, das den Opferstatus ablegt und Verantwortung übernimmt“.

Die Wahrnehmung der Symptomatik als eigene Schöpfung, die dem Erkennen innerer wie äußerer persönlicher Fehlentwicklungen dient, ist der Erkenntnissprung vom: „Es geschieht in mir!“ zum „Ich gestalte alles in mir und um mich herum!

Die Erkenntnis, dass alles in meinem Leben durch mich selbst erschaffen und für mich sinnhaft ist und ausschließlich meinem Lernen dient, führt automatisch zur Vergebung. Und zwar zunächst mir selbst und zunehmend immer mehr anderen Menschen gegenüber. Aus der Erkenntnis des grundsätzlich Sinnhaften resultiert im Umkehrschluss, dass dort, wo nichts Sinnloses geschehen ist, es auch nichts geben kann, was ich mir oder anderen vorwerfen müsste. Wenn ein Individuum dies ausreichend verstanden und praktiziert und auf möglichst viele Lebensbereiche ausgedehnt hat, wird Vergebung obsolet, weil klar wird, dass es nichts zu vergeben gibt, weil nichts entstehen kann, was nicht sinnhaft ist. (Zur Vertiefung dieses Gedankens empfehle ich den Aufsatz: „Der Vergebungsbegriff in meiner Arbeit“)

Dieses Wissen führt zum seelisch-geistigen Erwachen, das zu Linderungs- und Heilungsprozessen führt und intensive positive Gefühle auslöst. Anstelle des abwertenden, Schuld zuweisenden „Kritikers“ entsteht hier Fürsorge und Mitgefühl für sich und andere. Unabdingbar für das Vorliegen von Selbstgewahrsein ist somit das Aufgeben des Glaubens an die Schuld, zugunsten des Wissens um die Gestaltungs- und Schöpferkraft jedes Einzelnen im unauflösbaren Zustand der Verbundenheit miteinander und mit dem göttlichen Feld.

Diese Verbundenheit ist -wie gesagt- auch der entscheidende Wirkmechanismus bei der Aufstellungsarbeit. Ohne das Wissen um und das Vertrauen auf die Verbundenheit in einem schöpferischen Feld ist Aufstellungsarbeit nicht denkbar und ihre erstaunlichen und heilsamen Phänomene und Prozesse nicht verstehbar.

Der Wechsel in die jeweils höhere Bewusstseinsstufe ist für viele Menschen äußerst schwierig und gelingt kaum ohne Unterstützung durch Therapie und/oder Behandlung. Eine besonders wichtige Rolle bei diesem Wechsel in höhere Gewahrseinsstufen spielt dabei die verbesserte Wahrnehmung körperlicher Vorgänge, insbesondere das Wahrnehmen von Gefühlen. Der Zustand „Unbewusst“ ist erkennbar am Auftreten „sekundärer Gefühle“. Dazu zählen alle Abwehrgefühle, wie zum Beispiel: Ärger, Wut, Verachtung, Hass, etc. Sie dienen der Unterdrückung und Verschleierung derjenigen (primären) Emotionen, die im Störungszusammenhang auftreten und als unangenehm erlebt werden: Angst, Hilflosigkeit, Trauer und Scham. Bei der Entwicklung vom Unbewussten zum Gewahrsein gehört das Erkennen der sekundären Gefühle und das Verstehen ihrer Abwehrfunktion zum unverzichtbaren Teil des Lernprozesses. Im zweiten Schritt dürfen die primären Gefühle immer mehr wahrgenommen und in ihrer Bedeutung als Orientierungsgeber verstanden werden.

Wehre ich meine Angst ab, indem ich ärgerlich oder wütend werde, verstricke ich mich in Angriff und Kampf, was mein Leid weiter verstärken wird. Darf meine Angst ins Gewahrsein treten und richtig benannt werden, bietet sie mir Orientierung durch die sofort auftauchende Frage: „Angst, wovor?“. Jetzt kann lösungsorientiert gesucht und handlungsweisend geforscht werden. Wird dies möglich, kann der Wechsel zum Selbstgewahrsein erfolgen, der vor allem durch positiv erlebte Gefühle wie Erleichterung, Freude, Dankbarkeit und Liebe gekennzeichnet ist.

Wenn man sich entschließt, aus dem Unbewussten mit seinem Opferglauben herauszutreten und mehr Gewahrsein für die schmerzlichen lebensgeschichtlichen Hintergründe und seelischen Zusammenhänge zu entwickeln, muss man in Kauf nehmen, diese schmerzlichen Prozesse mit ihren unangenehmen Emotionen erneut zu durchleben. Auch wenn das durch Lernschritte in der Therapie gelingen kann, gibt es einen Hang, bei nachlassender oder wegfallender Unterstützung wieder in alte unbewusste Muster zurückzufallen. Das geschieht analog auch in medizinischen Behandlungen, wenn Heilungsprozesse aktiv durchgehalten werden müssen und/oder Verhaltensänderungen für den Heilungsprozess nötig sind. Das Betreten des Bewusstseinszustandes: „Gewahrsein“ verlangt also viel Geduld und liebevolle Unterstützung.

Im Kontext von therapeutisch verstandenen Aufstellungen ist es hilfreich, vorwurfsvolle Dialoge der Protagonisten im Feld zu unterbrechen und fokussierte Spracheingaben, die Gefühle benennen vorzunehmen. Das Ausdrücken von Gefühlen ermöglicht den einzelnen Personen zunächst das Wahrnehmen der inneren Wirkung im eigenen Organismus und anschließend der verändernden Wirkung im Kontaktfeld des aufgestellten Systems.

 

Um als Individuum den Entwicklungsschritt vom Gewahrsein zum Selbstgewahrsein vollziehen zu können, muss eine weitere Barriere überschritten werden. Hier geht es schließlich um die Akzeptanz der eigenen Gestaltungskraft und damit um das Aufgeben des Opferdaseins zugunsten einer liebevollen Betrachtung des „eigenen Gewordenseins“.

Für die Aufstellungsarbeit bedeutet das aus meiner Sicht, die Menschen, die ein Anliegen mit dieser Methode bearbeiten wollen, nicht während und nach der Aufstellung ohne Unterstützung zu lassen. Hierin begründet sich meine Entscheidung, therapeutische Aufstellungen für Klienten/innen nur dann anzubieten, wenn diese unter fürsorglicher Begleitung sind und somit auch für Nachbetreuung gesorgt ist. (Zur Vertiefung dieses Gedankens empfehle ich den Link: „Warum „begleitete“ Aufstellungen?“)

Für den Heilungsprozess der Klienten ist es außerdem wichtig, dass die/der betreuende Therapeut/in (Aufsteller/in) sich selbst im größtmöglichen Selbstgewahrsein der vorliegenden Thematik gegenüber befindet. Therapeutisch Agierende sollten idealtypischer Weise so ausgebildet sein, dass sie gut in der Lage sind, eigene Gefühle erkennen und benennen zu können. Sie sollten verstehen, dass Gefühle unmittelbare Rückkoppelung auf die Bewertung von Geschehnissen sind, die als „Kinder der Bedürfnisse“ Orientierung für angemessenes Verhalten in Bezug auf das Geschehen bieten.

Das bedeutet, dass Gefühle zunächst als Reaktion auf Ereignisse und Erfahrungen, mit zunehmendem Alter aber als Wirkung von Gedanken entstehen, also organismische Ergebnisse der Bewertung von Geschichten, Vorstellungen, Eindrücken und Interpretationen sind.

 

Kontaktformen

In den Schaubildern II bis V versuche ich zu zeigen, wie sich Menschen in ihren unterschiedlichen Bewusstseinszuständen im Kontakt zu anderen Menschen verhalten.

 

Schaubild II

Das Schaubild II beschreibt die Kontaktformen von Menschen, die sich in Teilbereichen ihres Lebens im Störungsmodus befinden, sich also leidend-unbewusst verhalten und dabei auf andere Menschen im ähnlichen Zustand treffen.

Wie bereits weiter oben beschrieben, führt der erworbene und verinnerlichte Glaube an die eigene Minderwertigkeit zum Auftauchen von Symptomen und zum Erleben von Angst und Schuld. Der hohe innere Leidensdruck wiederum wird abzuwehren versucht. Neben zunehmender Selbstabwertung ist vor allem die Verleugnung der inneren Zustände und Vorgänge ein probates Mittel zur Reduzierung von Angst und Schuld. Wenn ich nicht schuld bin, brauche ich auch keine Angst zu haben. Andere oder anderes sind schuld. Dort kann ich das Leid bekämpfen, in der -falschen- Hoffnung, es dadurch los zu werden. Die innere Abwehr wird zum äußeren Angriff, meistens in der Form von Abwertungen, bis hin zu Missachtung, Hass und Rache. Äußerer Angriff führt jedoch in der Regel zum Gegenangriff oder mindestens zu neuem Schuldglauben. (Ich verwende bewusst nicht den Begriff: „Schuldgefühl“, weil es sich aus meiner Sicht um kein eigenständiges Gefühl handelt, sondern um einen verinnerlichten Glauben. Gewissermaßen eine Geschichte über mein Unzureichend sein, die man mir über mich immer wieder erzählt hat und die ich jetzt glaube. Das Gefühl, das durch das Glauben an Minderwertigkeit und Schuld entseht, ist Scham.)

Treffen also zwei Menschen zu einem Thema im Zustand der Unbewusstheit aufeinander, wird das in der Regel durch Angriffsverhalten, Verleugnung und Projektion zur Verstärkung leidvollen Erlebens auf beiden Seiten führen.

Der Zustand der Unbewusstheit mit seinen Abwehrformen gilt nicht nur zwischen einzelnen Individuen als Grundlage für Leid und Konflikte. Er ist auch in der therapeutischen Arbeit mit strittigen Paaren und Familien ebenso wie in der Supervision mit Teams als Ausgangspunkt für hilfreich verändernde Interventionen zu verstehen.

Diese unbewussten Abwehrformen sind auch in kollektiven Konflikten die Ursache für Abwertungen, Ablehnung, Missachtung, Verachtung, Kampf und Vernichtung. Immer wenn in Gruppen oder Völkern untereinander oder anderen Gruppen oder Völkern gegenüber, andere Meinungen und Positionen angegriffen werden, ist der Hintergrund der, dass unbewusste Angst abgewehrt wird und die eigene kollektive Minderwertigkeit und Schuld nicht angeschaut werden darf. Das gilt für unterschiedliche gesellschaftliche Themen, die als Konkurrenz oder Wettkampf ausgetragen werden und bekommt düstere Züge, wenn es sich um politische Dogmen oder religiösen Fanatismus handelt.

Auch hier sind heilsame Interventionen zur schrittweisen Erhöhung von Gewahrsein und Selbstgewahrsein nötig. Das bedeutet immer, dass zunächst die eigenen unbewussten Motive erforscht und angenommen werden müssen und dann eine Verantwortungsübernahme für die eigenen Anteile am Konfliktgeschehen erfolgen muss.

Der Zustand der Unbewusstheit mit seinen aggressiven Aspekten stellt auch die Grundlage für den zerstörerischen Umgang des Menschen mit seinem Planeten dar.

 

Schaubild III

Trifft der unbewusste Versuch, eigenen inneren Druck an andere Menschen durch Angriff, also durch unterschiedliche Formen von Abwertung und Ablehnung abzugeben auf ein Gegenüber, das zu dem vorliegenden Thema im Zustand des Gewahrseins ist, wird der Angriff nicht sofort unbewusst erwidert. Das Gegenüber wird vielleicht zunächst Ärger verspüren und erwägen, den Gegenangriff einzuleiten. Durch das Gewahrsein über die eigenen Anteile an der vorliegenden Thematik, werden der Ärger und das Angriffsbedürfnis geringer ausfallen. Es gelingt ein Innehalten im Sinne einer inneren Abwägung. Die Person erwägt zum Beispiel, ob an dem Angriff etwas berechtigt sein könnte und tritt in eine äußere Erörterung mit möglichen Zugeständnissen ein. Eine andere Möglichkeit ist, dass der Angriff für ungerechtfertigt gehalten wird. Auch hier werden dann die Gefühle anders sein, als im unbewussten Zustand. Das angegriffene Individuum kann sich beispielsweise im Klaren sein, dass der Angriff eine Projektion ist und sich selbst die Frage stellen, wie der vorliegende Konflikt in seiner Entwicklung hilfreich und sinnhaft sein kann. Etwa in Form der Frage: „Wie ist es mir gelungen, in diesen Konflikt hineingeraten zu sein und was kann ich dabei lernen?“

Dieser innere Vorgang führt auf jeden Fall zu einer Abschwächung des Angriffsverhaltens oder sogar zu dessen Aufhebung. Der angreifende Mensch kann durch das Zugeständnis machende, abgemilderte Verhalten des Gegenübers ebenfalls eher in einen Lernprozess eintreten.

Insgesamt stellt das jedoch eine schwierige Konstellation dar, wie sie auch häufig zwischen Klienten und Helfern auftreten kann.

Das Innehalten im Konflikt und das bewusstere Verhalten des Gegenübers ist nicht mit dem unbewussten Unterdrücken aggressiver Gefühle zu verwechseln, das Menschen oftmals an den Tag legen, weil man ihnen früh beigebracht hat, dass diese Gefühle unerwünscht oder sogar gefährlich sind. Abwehr in der Wahrnehmung von Gefühlen ist kein wachsames beobachtendes Verhalten. Die Unterdrückung geschieht aus Angst vor diesen Gefühlen.

 

Systemaufstellungen bieten eine gute Möglichkeit, unbewusste und vergangene Ereignisse in den Gegenwartsbezug zu bringen und damit dazu beizutragen, dass Menschen seelische Vorgänge besser in ihren Zusammenhängen erleben und verstehen können und damit ihr Gewahrsein erhöhen.

 

Schaubild IV

Das vierte Schaubild stellt eine einfachere Konstellation dar. Wenn zwei oder mehrere Menschen aufeinandertreffen, die innerhalb eines Kontextes großes Gewahrsein haben, wird der Kontakt vermutlich auf allen Seiten als angenehm lehrreich und bereichernd erlebt werden.

 

Schaubild V

Das fünfte und letzte Schaubild stellt die verschiedenen Möglichkeiten im Kontaktverhalten dar, die Menschen erleben, wenn sie sich einer Thematik gegenüber in unterschiedlichen Bewusstseinszuständen befinden und mindestens ein Individuum dabei im Zustand des Selbstgewahrseins ist.

In diesen Bewusstseinszustand hält sich das Individuum bezogen auf die vorliegende Thematik nicht für minderwertig oder schuldig. Ein Angriff, also eine Abwertung oder Beschuldigung durch ein anderes Individuum führt deshalb auch nicht zu Scham und muss nicht abgewehrt und mit Gegenangriff belegt werden. Im Gegenteil ist ein Mensch im Selbstgewahrsein sogar in der Lage, einen aufkommenden Impuls von Projektion an seinem eigenen Ärger zu erkennen und ihn mehr oder weniger schnell zurückzunehmen.

Dies führt unmittelbar zu Selbstvergebung, weil die eigene Schuldlosigkeit wahrgenommen wird und stattdessen der Sinn des vorliegenden Konfliktes betrachtet werden kann. Diese Selbstvergebung ist hier allerdings noch einseitig auf Seiten desjenigen, der selbstgewahr ist. Ihm wird oder ist klar, dass das angreifende Gegenüber nur vollzieht, was seinem eigenen Sinn als scheinbar Angegriffenen entsprechen muss. Die Wiederwegnahme der Projektion der Schuld (bzw. das Fehlen von Verleugnungen und Projektionen) bedeuten gleichzeitig und automatisch die Vergebung dem Angreifer gegenüber, der ja nur Vollzieher der eigenen Gestaltungsfähigkeit desjenigen ist, der sich im Modus des Selbstgewahrseins befindet. In diesem Verständnis wird erkannt, dass der scheinbare Angreifer ihn nicht nur nicht schädigt, sondern seinem Lernen dient.

 

Symptome können heilen oder werden nicht mehr als Belastung erlebt. Neue Symptome sind bei umfassendem Selbstgewahrsein nicht mehr nötig.

 

Konflikte verringern sich und/oder verlieren an Dramatik.

 

Der Körper muss nicht leidvoll sterben, sondern kann am Ende des Lebens leicht abgelegt werden.

 

Trifft Selbstgewahrsein auf Gewahrsein findet Lernen und Bereicherung auf beiden Seiten statt. Hier ist auch Selbstvergebung und gegenseitige Vergebung möglich und wahrscheinlich.

 

Sind alle Beteiligten innerhalb eines Themas im Bewusstseinszustand des Selbstgewahrseins, so tritt ein starkes Bewusstsein von Begegnung und Verbundenheit auf, das zum gemeinsamen Erleben als Einheit führen kann.

 

Verleugnung und Projektionen treten nicht mehr auf.

 

Vergebung ist hier nicht mehr nötig, weil weder Angriff noch Abwertung stattfinden.

 

Liebe kann ungehindert fließen.

 

Im psychotherapeutisch angelegten Aufstellungsgeschehen entspricht dies dem Erleben der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, wenn ein stimmiges Lösungsbild erstellt worden ist, in dem alle Projektionen aufgehoben sind, alle Anteile am ehemaligen Störungsgeschehen in ihrer Sinnhaftigkeit anerkannt und anschließend mit Wohlwollen und Dank integriert wurden.

In vielen Therapieformen wird es den Klientinnen/en ermöglicht, unbewusste Vorgänge besser ins Gewahrsein zu bringen. Damit wird ein wichtiger Beitrag zur Abmilderung von Störungen und Leid geleistet. Eine Hinführung zu mehr Selbstgewahrsein, also zur Akzeptanz der eigenen Schaffenskompetenz im Störungsgeschehen kommt oft zu kurz bzw. kann auf Grund der mangelnden Selbstgewahrseinsausbildung der professionellen Helfer in den verschiedenen therapeutischen Verfahren nur unzureichend vermittelt werden.

 

Die Methode der Systemaufstellung bietet durch ihre hohe Fokussierung der individuellen Problematiken und der eindrucksvollen Wirkungen des Feldes eine wunderbare Form zu verstehen, wie stark der eigene Perspektivenwechsel und die vorgenommene Haltungs- und Verhaltensänderung Einfluss auf das Geschehen haben, das ursprünglich als „vorgegeben“ „schicksalhaft“ und „unabänderlich“ betrachtet wurde.

 

Der ursprünglich belastete Mensch gewinnt dadurch seine Gestaltungskraft zurück, erfährt Linderung und erhält die Möglichkeit, in heilsame Lernprozesse einzutreten.