Scham - Unbewusste Grundlage jeder seelischen Störungsdynamik

Ich glaube, dass wir eine unbewusste kollektive Egoverabredung haben, Gefühle nicht zu benennen, sondern sie durch umschreibende Denk- und Sprachmuster zu ersetzen (z.B.: „Ich habe das Gefühl, dass…“ und dann folgt eine beschreibende Geschichte, ein Gedanke bzw. ein Eindruck). Das wirkliche Gefühl wird dadurch verschleiert und bleibt unbenannt.

Durch die Nichtbenennung wird das Gefühlte in seinem Erleben reduziert und damit der Mensch in seiner Authentizität eingeschränkt.

Vor allem die Angst und ihre besondere Form die Scham (also die Angst, etwas preiszugeben, was einer Abwertung entstammt) werden im umgangssprachlichen Gebrauch nur sehr selten direkt als solche benannt. Problematisch daran ist, dass diese kollektiven Sprachmuster auch unser Denken befallen haben und viele Menschen deshalb kaum in der Lage sind, ihre eigenen Gefühle angemessen zu orten und zu benennen.

In meiner persönlichen Erfahrung, insbesondere in schweren Krisen, habe ich festgestellt, dass die Scham wie ein Wurzelgeflecht meine seelischen Bewegungen durchzieht und -wie eins der sieben Geißlein aus dem Märchen- jede noch so kleine Lücke im Haus als Versteck benutzt, nur um nicht entdeckt zu werden. Die Scham versteckt sich hinter Denk- und Sprachmustern und verschleiert damit, dass sie Motiv sehr vieler Entscheidungen und Verhaltensweisen im Störungskontext ist. Diese Verstecke sind vielfältig und kreativ. Wir nennen sie: Schuldgefühl, Peinlichkeit, Zweifel, ungutes Gefühl, Zurückhaltung, Schüchternheit oder Bescheidenheit. Scham steckt auch hinter dem Wunsch, Gutes zu tun und fürsorglich oder überhaupt, besonders zu sein. Scham ist beteiligt am Antrieb viel zu leisten und Erfolge zu haben oder gegen andere zu konkurrieren und sie zu dominieren. Gleiches gilt, wenn Menschen nur schwer in der Lage sind, sich abzugrenzen und „Nein“ zu sagen. Auch die Sprachlosigkeit, die in vielen Beziehungskonflikten die Hauptrolle spielt, entspringt der Scham: „Ich kann (will) nicht darüber reden“.

Wieso dieses Versteckspiel? Warum tun wir das in so umfangreicher Weise und oft genug im kollektiven Gleichschritt?

Die Antwort ist:

Die unbewusste, alles durchziehende Scham hält uns -gesellschaftlich erwünscht- gefügig!

Scham wird durch Abwertungen innerhalb der kindlichen Entwicklung im Organismus verankert.

Ängstigung und Beschämung stammen aus dem Erziehungsprozess und werden immer dafür benutzt, das Kind anzupassen. Das geschieht so oft und so vielfältig und oftmals so massiv, dass das Kind zum Überleben eine Strategie der Introjektion nutzen, also die erlebten Abwertungen als eigene Sichtweise übernehmen muss, ohne sich wehren und angemessen abgrenzen zu können.

Diese Strategie der Erziehenden ist deshalb so erfolgreich, weil ein Gefühl, das nicht benannt werden kann (oder viel schlimmer, das nicht mehr wahrgenommen werden kann, obwohl es im Organismus vorhanden ist), auch nicht in differenzierter Form auf seine Bedeutung befragt werden kann.

Wenn ein Mensch fühlen und sagen kann: „Ich habe Angst“ folgt sofort die Klärung ermöglichende Frage: „Wovor eigentlich?“

Habe ich fühlenden und benennenden Zugang zur Scham, in dem ich sagen kann. „Ich schäme mich“, taucht auch hier sofort die klärende Frage auf: „Weswegen eigentlich?“

Wenn das geschieht, hat der Mensch die Wahl, seine Entscheidungen und Handlungen bewusst zu treffen. Er ist somit nicht mehr durch sein Unbewusstes getrieben. Er kann differenzieren zwischen zwei Formen von Scham.

Zum einen ist da die echte Scham: „Ich habe etwas getan, das wieder gut gemacht oder ausgeglichen werden muss.“ Jetzt kann die wiedergutmachende Handlung bewusst folgen.

Zum anderen ist da die Scham in ihrer neurotischen Form. Sie basiert auf Abwertungen (und Selbstabwertungen) im sozialen Kontext und ganz häufig auf unbewusste abwertende (nicht wahrgenommene) Denkvorgänge.

Bei vielen Menschen ist diese Form die weitaus bestimmende Variante, die aus meiner Sicht in vielen alltäglichen Entscheidungen eine mitbestimmende Rolle spielt.

Das autonome Wachstum des Kindes zu behindern, damit es sich anpasst und besser funktioniert und auch einfacher kontrolliert werden kann, ist die Absicht jeder Beschämung. Die ins Unbewusste abgedrängte Scham hat die Funktion, die Menschen in ihrer Autonomie zu schwächen, um sie so im gesellschaftlichen Leben anzupassen und kontrollierbarer zu machen.

Menschen mit einer gesunden Autonomie, also mit gesundem Menschenverstand sind schwerer zu beeinflussen, sind kritischer und hinterfragen gesellschaftliche Zusammenhänge. Sie prüfen eher Anordnungen und Maßnahmen als Menschen, die vor Scham Zuflucht in der Zugehörigkeit versprechenden Anpassung suchen.

Für mich persönlich liegt hier die Antwort auf die Frage meiner Kindheit und Jugend als Nachkriegskind: „Warum haben so viele Menschen da mitgemacht?“

Ein zweiter verheerender Aspekt nicht wahrgenommener und damit nicht verantworteter Scham liegt in ihrer Bedeutung als Auslöser psychosomatischer Prozesse und damit als wirkliche Grundlage für Schmerzen und Leid durch körperliche Symptome.

Diese entstehen aus psycho-neuro-immunologischer Sicht, wenn das Kind beim Auftreten von Impulsen oder Gefühlen (z.B. Abwehr, Unzufriedenheit oder Wut) beschämt wird. Es muss dann diese Impulse und Aggressionen unterdrücken, statt sie auszudrücken. Dieser Prozess führt zu einer Umkehr der Energie, d.h. die Aggressivität wird gegen den eigenen Organismus gewendet. Erfolgt das systematisch und andauernd, entstehen sogenannte Entwicklungstraumatisierungen, die -je nach Art und Umfang der Belastungen- im Verlauf des Lebens zu schweren Symptomen führen.

Die gesunde Gegenbewegung besteht darin, Gefühle (besonders Angst und Scham) immer deutlicher wahrzunehmen. Bewusstwerdung und Benennung und in Vollendung sogar das Bekenntnis zu den eigenen Gefühlen und ihre Versprachlichung im zwischenmenschlichen Kontakt, führt in ein immer authentischeres Leben mit immer stärker wachsender Autonomie und immer befriedigenden Beziehungen.

Diese Wahrnehmung darf allerdings nicht ihrerseits wieder durch Abwertungen begleitet werden (Scham wegen der Scham). Es geht tatsächlich nur darum, immer mehr und deutlicher festzustellen, wie häufig und in wie vielfältiger Form die Angst und die Scham Teil eigener Entscheidungsprozesse sind, ohne sie bei ihrer Entdeckung als ungewollt oder schamhaft abzutun.

Es geht um die Erlaubnis zur Scham.